Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Wie gut, dass Kunst und Musik weiterhin dagegenhalten. Hier präsentieren und empfehlen wir einige aktuelle Veröffentlichungen, die uns besonders beeindruckt, inspiriert und bestärkt haben:
Shems Bendali „Casbah Qassioun“ (Jazz Family)
„Casbah Qassioun“ ist das neue Album des in der Schweiz lebenden französisch-algerischen Trompeters Shems Bendali. Wir haben dieses fantastische Album von Ende 2025 irgendwie verpasst und wurden erst jetzt durch die Neuauflage darauf aufmerksam. „Casbah Qassioun“ entfaltet sich in einem Science-Fiction-Universum zwischen dem Maghreb und dem Nahen Osten, inspiriert von der Ästhetik futuristischer Comics. Von der stillen Welle des Sandes bis zum Licht, das durch die Wolkenkratzer fällt, webt er eine Reise, in der sich jede Kulisse in eine Klanglandschaft verwandelt. Mehr als eine Erzählung ist es eine klangliche Überlieferung: eine einzigartige fiktionale Kulisse, die als Hintergrund für stimmungsvolle Kompositionen dient, mal intim, mal kontemplativ. Das Album präsentiert die Sängerin Climène Zarkan und den Oud-Spieler Amine Mraihi in einem Stück mit arabisch-andalusischen Einflüssen, die sich zu einer himmlischen, einzigartigen und kraftvollen Schöpfung vereinen, verwurzelt in einer tausendjährigen Tradition.
➜ Hier anhören und kaufen.
S. Fidelity „I Guess I’ll Never Learn“ (Jakarta Records)
„I Guess I’ll Never Learn“ ist das dritte Soloalbum des in Berlin lebenden Produzenten S. Fidelity bei Jakarta Records und stellt sein bislang komplexestes und konzeptionell ambitioniertestes Werk dar. Das Album ist als dreiteilige Erzählung über dreizehn Tracks aufgebaut und beleuchtet die zyklischen Dynamiken romantischer Beziehungen. Das Projekt vereint Elemente aus experimentellem R&B, Neo-Soul und elektronischer Musik und präsentiert eine vielfältige Riege von Sängern, darunter die genreübergreifende Dawn Richard und der britische Kollaborateur Collard. Die Platte unterstreicht S. Fidelitys Entwicklung als multidisziplinärer Künstler, indem sie seinen charakteristischen, mantraartigen Gesangsstil mit einem raffinierten Produktionsstil verbindet, der traditionelle Genregrenzen überschreitet.
➜ Hier anhören und kaufen.
OPEK „TRAFO“ (Schallplatten Firma Rec.)
TRAFO ist das neue Album des Kölner Produzenten OPEK und bewegt sich irgendwo zwischen Spiritual Jazz, Rare Groove, Library Music und krautigen Filmsoundtracks der 70er. Statt glatt produzierter Studioästhetik setzt OPEK auf den organischen Sound einer live eingespielten Band – das gibt dem Album spürbar mehr Spannung, Wärme und Charakter. Inhaltlich wirkt TRAFO wie ein musikalischer Film ohne Bilder: hypnotische Grooves, cineastische Arrangements und immer wieder Momente, die zwischen Nostalgie, psychedelischer Offenheit und urbaner Nachtstimmung pendeln. OPEK verbindet auf dem Album seine Liebe zu Jazzgrößen wie Wayne Shorter oder David Axelrod mit einem sehr eigenen, analogen Soundkosmos. TRAFO ist kein Nebenbei-Album, sondern eher eine Platte, die man bewusst hört — ideal für Leute, die Jazz nicht nur technisch, sondern atmosphärisch erleben wollen.
➜ Hier anhören und kaufen.
Phantom Horse „Primal Forms“ (Umor Rex)
Das letzte Album der Berliner Band Phantom Horse liegt bereits sechs Jahre zurück, doch nun ist ihre neue Veröffentlichung „Primal Forms“ bei Umor Rex erschienen. Die Band hat sich längst einen Namen für meisterhaft komponierte, vom Krautrock beeinflusste, hypnotisch-schwelgende elektronische Musik gemacht, und wir scheuen uns nicht zu sagen, dass „Primal Forms“ zu den Meisterwerken ihrer Diskografie zählt. „Primal Forms“ ist ein Album im klassischen Sinne. Es verlangt danach, in seiner Gesamtheit gehört zu werden, was auch auf eine engere Affinität zum Krautrock hindeutet.
➜ Hier anhören und kaufen.
Vladislav Delay „vd5“ (We Jazz Records)
Vladislav Delay, in erster Linie als hochgeschätzter Innovator der elektronischen Musik bekannt, wagt nun mit seinem akustischen Jazzquintett einen Schritt nach vorne und veröffentlicht „vd5“ bei We Jazz Records. Als Künstler hat sich Vladislav Delay noch nie in eine vorgefertigte Schublade einordnen lassen. Ob es nun seine zukunftsweisenden jüngsten Veröffentlichungen als Vladislav Delay auf seinem eigenen Label Rajaton sind, sein Pseudonym Ripatti oder sein Spiel an metallischen Percussion-Instrumenten beim Moritz Von Oswald Trio – Delay hat immer EINEN EIGENEN SOUND. Und dieser Sound entwickelt sich ständig weiter, wie sein neues Jazzalbum zeigt. Was für ein „Jazz“ ist das? Es gibt sicherlich fließende Elemente im Mix, nicht unähnlich denen, die man auf früheren vd-Produktionen hört. Andererseits handelt es sich hier im Großen und Ganzen um akustische Quintettmusik, aber nicht um eine bestimmte Art, die wir jemals zuvor gehört haben. Ist das nicht der springende Punkt beim „Jazz“? Was auch immer vorher war, ist ein Sprungbrett, keine Einschränkung.
➜ Hier anhören und kaufen.










